Alle Alben von The Notwist im Ranking

The Notwist
VÖ: 1990 | Label: SubwayAls die Brüder Markus (Jahrgang 1967) und Micha Acher (Jahrgang 1971) 1989 The Notwist gründen, sind sie gerade erwachsen. Auf ihrem kurz darauf erscheinenden Debütalbum bringen sie zusammen, was sie in ihrer Jugend vorwiegend gehört haben: US-Hardcore, Punk und Metal. Das Cover von „The Notwist“ sieht passenderweise nach DIY-Schwarzweiß-Kopie aus, das Album klingt ungeschliffen, krachig, roh und rau. Das Schlagzeug galoppiert, die Gitarren schrabbeln zwischen Geschrei und Gesang, der in „Bored“ leicht deplatziert wirkt. Man hört eine Band, die sich noch ausprobiert und der trotzdem schon viel gelingt – was zu diesem Zeitpunkt eine kleine Sensation ist, nicht nur, weil sie aus einer kleinen Stadt in Oberbayern kommt: Weilheim, das man mittlerweile vor allem aufgrund von The Notwist kennt. Der 13. und letzte Song des Albums, „Nothing Like You“, eröffnet mit einem Foo-Fighters-Riff, bevor es die Foo Fighters gibt, und ist bereits ein Hit für die Ewigkeit. In der lieblichen Art des Zusammenspiels von Gitarre und Markus Achers Gesang lässt er bereits erahnen, was noch in dieser Band steckt. Acher möchte eigentlich kein Sänger sein, wird es als Songschreiber aber notgedrungen – und mit seiner eigenen Art zu singen – zur großen Konstanten von The Notwist.
8Close To The Glass
VÖ: 2014 | Label: City SlangSechs Jahre nach „The Devil, You + Me“ und zwölf nach „Neon Golden“ veröffentlichen The Notwist ihr bislang elektronischstes Album – und gerade mit Blick auf ihre gesamte Diskografie vermisst man die Gitarren hier ein wenig. Das kann selbst “Kong”, ein perfekter Indierock-Song, nicht herumreißen: Viereinhalb Minuten lang verschmelzen Indie-Gitarren, Zaubermelodie und Achers Gesang zu einem zarten Hit. Größtenteils aber klingt „Close To The Glass“ experimentell elektronisch: Es pluckert, fiept und bliebt an vielen Ecken und Enden, als würde Martin „Console“ Gretschmann seinen Abschied feiern, denn er steigt noch 2014 aus der Band aus, um sich auf seine DJ-Tätigkeiten als Acid Pauli konzentrieren zu können. Die Songs „Casino“ und „Steppin‘ In“ harmonieren mit Akustikgitarren, Streichern und melodiösem Gesang, bevor das instrumentale „Lineri“ fast neun Minuten lang mit Synthesizern und Percussion herumexperimentiert. Undurchsichtiger ist nur das vielschichtige „Run Run Run“ mit seinem versatzstückhaften Saxofon. Es steht Pate für das schwer zugänglichste The-Notwist-Album.
7The Devil, You + Me
VÖ: 2008 | Label: City SlangGemeinsam mit „Close To The Glass“ zählt das sechste The-Notwist-Album zu den minimal schwächeren Alben der langjährigen Post-„Neon Golden“-Ära. „The Devil, You + Me“ klingt insgesamt weniger sperrig und experimentell als das sechs Jahre später folgende Album, richtig aus sich heraus kommt es aber auch keineswegs. Die elf Songs sind zumeist introvertiert und gelassen, sie fließen langsam, nehmen einen sanft mit und lassen in Details Neuerungen durchklingen – mit Bläser-Fragmenten, Klavier-Einschüben und Orchester-Untertönen. Martin „Console“ Gretschmanns Elektronik brodelt passend dazu zumeist im Hintergrund. „Good Lies“ geht mit warmem, melodiösem Gitarren-Indierock und Markus Achers Slacker-Gesang voran und liefert als Opener direkt ein Statement: „Let’s just imitate the real, until we find a better one.“ Mit „Gloomy Planets“ und dem hitverdächtigen „Boneless“ mit einer dieser Notwist-Wundermelodien sind nur zwei weitere Songs gleicher Klang-Couleur auf dem Album verteilt. Dazwischen und danach fühlt man sich trotzdem wohl.
6Nook
VÖ: 1992 | Label: Big StoreDas zweite The-Notwist-Album ist besonders in der gelungenen Gitarrenarbeit stark vom Metal beeinflusst, was man etwa den Riffs in „Walk On“ oder „Welcome Back“ deutlich anhören kann. „Nook“ ist aber bereits mehr und spielt seine Brachialität gegen seine Melodien aus. Das gelingt etwa in „Unsaid, Undone“ erstaunlich gut und harmonisch. Im Mittelteil fährt der Song zudem kurz herunter, und lässt auf einen Streichereinsatz eine gniedelnde Gitarre samt peitschendem Rhythmus folgen. „One Dark Love Poem“ verbindet den warmen Acher-Gesang mit schönen Gitarrenmelodien, die hier noch lauter und verzerrter sind, aber trotzdem schon erkennen lassen, dass die Band, die mittlerweile im Vorprogramm von den Post-Hardcore-Helden Fugazi spielt, bald noch mehr in diese Richtung unternehmen kann. Aus heutiger Sicht noch vielsagender ist das etwa fünfeinhalb Minuten lange „The Incredible Change Of Our Alien“, das sich knapp zwei Minuten wunderbar aufbaut, dann mit einem grandiosen Gitarrenlick öffnet und anschließend den melodiösen Gesang nahezu mit den lärmenden Instrumenten verschwimmen lässt – wenige Jahre, bevor The Notwist sich freischwimmen.
5Shrink
VÖ: 1998 | Label: CommunityDas vierte The-Notwist-Album festigt den auf „12“ eingeschlagenen neuen Weg: Dank Elektronik-Bastler Martin „Console“ Gretschmann, der nun offiziell zur Band gehört, mischen sich weiter neue Klänge in den noch leicht im Post-Hardcore verwurzelten Sound der Band. „Shrink“ bringt unter anderem Plucker-Elektronik, Indierock-Gitarren und Jazz-Elemente fantastisch zusammen. Das eröffnende „Day 7“ klackert über zwei Minuten sorglos herum und bäumt sich plötzlich mit der Notwist-Zauberformel aus melodiöser Gitarre, treibendem Beat, Synthie-Sounds und Markus Achers Melancholie-Gesang auf – ein umwerfender Start in das Album. Mit „Chemicals“ folgt einer der schönsten The-Notwist-Songs aller Zeiten: mehr als fünf Minuten, die vom ersten Knistern über den Klicker-Beat und die einsetzende Gitarre bis zum repetitiven Ende umwerfend perfekt sind. Einige andere Songs klingen deutlich experimenteller und weniger packend: „N.L.“ etwa ist ein harmonisches Instrumentalstück mit Noise-Einschüben und „0-4“ schlängelt sich mit einem Elektro-Beat zum Ende des Albums. Der Song ist ebenso wie das jazzige „Moron“ Teil des „Absolute Giganten“-Soundtracks – und hier Teil eines stimmigen Albums.
4Vertigo Days
VÖ: 2021 | Label: MorrDas letzte Studioalbum liegt mit „Close To The Glass“ zwar sieben Jahre zurück, in der Zwischenzeit aber haben The Notwist unter anderem Kompositionen für Soundtracks und das Theater geschrieben – und treffen mit ihrem einzigartig eigenartigen Album “Vertigo Days” nun in eine ähnliche Zeit: den Corona-Lockdown. Für Gretschmann ist Christoph „Cico“ Beck neu in der Band, er spielt unter anderem Keyboard und Gitarre und bringt neue Impulse ein. „Where You Find Me“ und vor allem „Loose Ends“ sind recht typische The-Notwist-Songs, in denen Markus Achers warme Stimme zu melancholischen Gitarren und schleppendem Rhythmus singt, Ersterer geht aber nahtlos in den verspulten Krautrock von „Ship“ über: Schräge Elektronik, Percussion, ein versetzter Beat und die sanfte Stimme von Sängerin Saya (von der japanischen Indie-Folk-Band Tenniscoats) sind typisch für „Vertigo Days“, ein Konzeptalbum, das seine Songs miteinander verzahnt, verschiedene Gastmusiker:innen aufweist, musikalische Motive wieder aufgreift und den Motorik-Grooves des Krautrock seinen Tribut zollt.
3News From Planet Zombie
VÖ: 2026 | Label: MorrIn den vergangenen Jahren, in etwa seit der Veröffentlichung von „Vertigo Days“, standen The Notwist zumeist zu siebt auf der Bühne. Für „News From Planet Zombie“ geht die Band erstmals auch als Septett ins Studio: die Acher-Brüder, Schlagzeuger Andi Haberl, Cico Beck, Max Punktezahl an Keyboard und Gitarre, Vibrafonist Karl Ivar Refseth und Theresa Loibl an Bassklarinette und Melodica. Zusätzlich tauchen Trompete, Posaune, Sousafon, Klarinette, Harmonium, Piano und vieles mehr in den melancholischen bis elanvollen Indierock-Songs auf. Die Blasinstrumente, die wunderbar mit Achers Gesang harmonieren, sind in ihrer Präsenz ebenso auffällig wie die beiden Coversongs des Albums: Neil Youngs „Red Sun“ und „How The Story Ends“ von der US-Indie-Band Lovers. Davon ab sind die Songtexte vor allem von Horrorfilmen und B-Movies beeinflusst, selten sind sie explizit politisch. Etwa in der Mitte des Albums mischen sich unter anderem typische Notwist-Gitarren in den sich steigernden Beat von „The Turning“ – ein überragender, vielschichtiger Song, wie ihn nur diese Band spielen kann.
212
VÖ: 1995 | Label: CommunityDas dritte The-Notwist-Album ist ein weitreichender Wendepunkt in der Diskografie der Weilheimer Band: Die Hardcore-, Punk- und Metal-Wurzeln sind auf „12“ zwar noch zu hören, besonders im instrumentalen Stück „Instr.“, der melancholische Indierock ist aber schon deutlich wahrnehmbar, etwa in Songs wie „Noah“ oder „Torture Day“, das sechs Minuten lang ohne verzerrte Gitarren auskommt. Die Rhythmen sind teils hypnotisch, es mischen sich Pop-Elemente in den Sound und Martin Gretschmann hat als Gast zum ersten Mal seine elektronischen Finger im Spiel, auch wenn das Pluckern und Klackern noch keine große Rolle spielt. The Notwist öffnen ihren Sound trotzdem deutlich und experimentieren zwischen Härte und Melancholie in Songs wie „M“ und „Puzzle“ mit seinen harten und kurzen Gitarreneinschüben – dazwischen fügt sich Achers zerbrechliche Stimme perfekt ein. „12“ ist ein Album ohne Längen, das beide Notwist-Welten schon so früh großartig vereint, und damit zusammenbringt, was bislang noch nicht zusammengehörte.
1Neon Golden
VÖ: 2002 | Label: City SlangKeine Frage: Dieses wundersame, homogene Meisterwerk ist bis heute auch von The Notwist selbst nicht zu schlagen. Auf „Neon Golden“ rauscht, knistert, knirscht und pluckert es so fabelhaft – man könnte diese wohlige Soundkulisse heute auch als ASMR durchgehen lassen. Und natürlich ist es viel mehr, wie The Notwist ihre zehn folkig-melancholischen Songs sanft mit Elektronik und orchestralen Elementen umhüllen und umspielen. Die Band hat sich über die Jahre hörbar nicht nur klang-, sondern auch produktionstechnisch weiterentwickelt. Mit „Neon Golden“ gehen The Notwist den bereits auf „12“ eingeschlagenen Weg traumhaft weiter und erschaffen eines der stimmigsten und tiefschürfendsten Alben der vergangenen Jahrzehnte. Keiner der zehn Songs fällt ab, man entdeckt regelmäßig neue Lieblingssongs und -details wie etwa die Streicherspitzen in „Off The Rail“. „Pilot“ entführt mit klickerndem Disco-Beat in die Höhe und „Thrashing Days“ mit Banjo, Horn und Knistern in leicht orientalische Weiten. „Consequence“, geschrieben von Micha Acher, zieht den Vorhang des Albums mit feinem Elektronik-Beat und orchestralen Zusätzen phänomenal zu. „You’re the colour, you’re the movement and the spin“, singt Markus Acher – schöner geht es kaum! Die Gitarren sind auf „Neon Golden“ auf ein Minimum reduziert, einzig im fantastischen, sich steigernden „One With The Freaks“ stechen sie perfekt zu. Und The Notwist wahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere Haltung und schlagen im Sinne der Kunst einen Deal mit Vodafone für diesen Song aus, der ihnen eine Million Euro eingebracht hätte. So bleibt einer der schönsten Notwist-Songs aller Zeiten nicht mit einem aufpolierten Werbeclip in Verbindung, sondern mit persönlichen Emotionen und Erinnerungen. Und mit diesem unnachahmlichen Gefühl, das dieses Album mit nur wenigen Tönen und Takten hervorrufen kann. Das ist große Kunst!
Albenlisten
Listen to your heart
Inhalt
- Von Flop bis Top – Alle Alben von The Notwist im Ranking
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- Die 2010er: Die Plattenliste – Die 100 besten Alben der 2010er
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- Proto-Punk: Die wichtigsten Platten – Paten des Punk
- Jahresrückblick 2022: Die 50 Alben des Jahres – Kommentare zur Zeit
- Britpop - Die Plattenliste – Cool Britannia
- Post-Punk: Die besten Alben der ersten Welle – Pinke Flagge, schwarzes Gewand
- Post-Punk: Die besten Alben des Revivals – Widerhall in der Fabrikhalle
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