Was wirklich zählt: Yard Act im Interview zu "You're Gonna Need A Little Music"

Sänger James Smith und Gitarrist Sam Shipstone sehen müde aus: Die Augen glasig, die Tränensäcke darunter geschwollen, Smiths Bartansatz, an dem er im Laufe des Gesprächs immer wieder in Gedanken versunken zupft, mindestens eine Woche alt. Trotzdem liegt auch etwas sehr Entspanntes, Seliges über diesen müden Zügen, kurz: Die Beiden sehen aus, als hätten sie ein erfolgreiches Festivalwochenende hinter sich: „Wir sind erst gestern Nachmittag vom Best Kept Secret in den Niederlanden heimgefahren, davor haben wir beim Primavera in Porto, Portugal gespielt. Super Shows, auch wenn es die einen oder anderen technischen Probleme gab, aber was wäre ein Festival ohne?“, sagt Shipstone und fügt hinzu: „Dann bin ich heute auch noch extrafrüh aufgestanden, weil der Gasmann kommen wollte, und jetzt verschiebt sich der Termin ständig nach hinten.“
Trügerisches Ziel
Vier Jahre ist es her, dass mit “The Overload” das Debüt des Post-Punk-Quartetts aus Leeds durch die Decke geht, zwei, seit der Nachfolger “Where’s My Utopia?” überraschend neue Facetten ihres Soundmixes ergründet und an den Erfolg anknüpft. Zeit zum Durchatmen gibt es währenddessen keine, denn so funktioniert ein Durchbruch in der Musikindustrie nicht, weiß auch Smith: „Es hieß durchgängig volle Kraft voraus. Aus kreativer Sicht besetzen beide Alben unterschiedliche Bereiche, aber thematisch sind sie zwei Seiten derselben Medaille.“ Die Medaille, von der der Mitte 30-Jährige spricht, ist eben so heiß begehrt wie schwer zu kriegen und glänzt in seinem Fall aus der Nähe nicht mehr ganz so verheißungsvoll wie aus der sehnsüchtigen Ferne: „Seit ich ein Teenager war, war es mein Ziel, professioneller Musiker zu werden. Ich dachte, das wäre die eine Sache, die all meine Probleme lösen würde, und wenn ich das erreicht hätte, dann wäre ich für immer zufrieden und der Rest meines Lebens ein seliges Dahingleiten. Jetzt sind wir bei Album Nummer drei angekommen und es hat sich herausgestellt: Dein ganzer Ballast kommt einfach mit dir, egal wie erfolgreich du bist. Und erst, wenn du Zeit in deine mentale Gesundheit investierst und über all das nachdenkst, stellst du fest, dass es gar keine Ziellinie während des Lebens gibt, die es zu überqueren gilt.“
Um diese wichtige Erkenntnis reicher und mit dem beruhigenden Gefühl, sich fürs Erste einen Namen gemacht zu haben, befolgen Yard Act für die Aufnahmen ihres dritten Albums “You’re Gonna Need A Little Music” ihren eigenen Ratschlag und lassen sich Zeit: „Es ist das erste Mal, dass wir uns wirklich sechs Monate genommen haben, um zusammen ein Album zu schreiben und aufzunehmen. So konnten wir ohne Zeitdruck mal eine Idee liegen und reifen lassen und dann später drauf zurückkommen. Das war eine sehr gesunde Art zu arbeiten.“ Smith wirkt für einen kurzen Moment sehr zufrieden und wird nicht müde, Shipstones Anteil zu loben, dessen Gitarrenspiel den Charakter des Albums in Songs wie “New Beginnings” oder dem Puls beschleunigenden “Thrill Of The Chase” maßgeblich mitbeeinflusst hat und seinen Urheber kurz ein bisschen rot vor lauter Komplimenten werden lässt: „Sam ist auf der letzten Platte versehentlich etwas an den Rand des Geschehens geraten, das lag an der Art, wie wir aufgenommen haben, komplett an unseren Laptops. Diesmal haben wir live zusammengespielt und die Aufnahme mitlaufen lassen, sodass man die Bandenergie auf der Platte hören kann, und Sam ist der wesentliche Bestandteil für diese Energie. Sein Gitarrenspiel macht dieses Album zu dem, was es ist.“
Shutter Island
Dass trotz aller Gitarrenliebe die Texte das Entscheidende für den hypnotischen Spoken-Word-Charakter typischer Yard-Act-Songs sind, ist allen Beteiligten und vor allem Smith deutlich bewusst. Im Gespräch mit dem Sänger und Songschreiber ergibt sich schnell eine Idee davon, auf welche Weise sein Hirn dauerfeuert, um die scharfkantigen, sozial- und immer auch selbstkritischen Zeilen zu erzeugen. So wie im Opener “Empty Pledges”,
der nach eigener Aussage „100 Fragen zum Chaos des Lebens“ stellt und keine einzige beantwortet. Smith ist anfällig für philosophische Gedankenspiralen der niemals endenden Art. Wie eine Turbine auf Dauerstrom oder eine Waschmaschine im unendlichen Schleudergang maximaler Gedankenumdrehungen kann er sich kaum bremsen, einmal auf Betriebstemperatur gebracht. Jeder Gedankenansatz wird entweder vor dem Aussprechen, durch lange, stirngerunzelte Stille oder nach dem Aussprechen durch das Anbringen zahlreicher Nebensätze, Relativierungen und plötzlicher thematischer Haken, gedreht und gewendet.
Smith baut sich seine eigenen, verschachtelten Plot-Twists, Ergänzungen von außen werden umgehend mit verwertet. Zum Beispiel, die, dass die Stimmung des Ersteindrucks “Empty Pledges” an das Leonardo-DiCaprio-Meme „What the fuck is going on here?!“ erinnert. Smith, der das Meme online nachschlägt, ohne die eigenen Ausführungen zu unterbrechen, muss plötzlich laut lachen: „Ja, das trifft es doch genau. Ist das aus ‘Shutter Island’? Der Film hat meine Jugend sehr geprägt, vor allem den Soundtrack habe ich geliebt!“ Auch Shipstone schaltet sich kurz ein, um schwärmend beizupflichten.
»Wir versuchen schon, optimistisch zu sein. Nur ist das sehr viel schwieriger, als zynisch zu bleiben, gerade für uns Briten.«
james Smith
Von Textzeilen des Openers wie „Do you feel like an imposter for every new level you are send to, too?“ ist es nur noch ein Katzensprung zur Frage, ob Musik und Kunst generell gegen die eigene Ratlosigkeit ob der zunehmenden globalen Hybris helfen, jetzt wo der erste Trillionär existiert. Smith holt weit aus: „Zahlen sind großartig für die Gesellschaft, denn sie halten Systeme am Laufen. Aber das ist nur eine Facette davon, wie wir als menschliche Wesen funktionieren. Gefühle sind nicht auf die Art messbar. Es ist das größte Wagnis, sich auf den kreativen Ausdruck eines anderen einzulassen. Und wenn sich das auszahlt, ist es der beste emotionale Austausch, den du jemals haben wirst, kein Geld der Welt kann da mithalten“, ist sich der Sänger sicher und setzt den Blinker zur nächsten Gedankenwendung: „Andererseits ist es oftmals unbefriedigend: Du kannst zu so vielen Konzerten gehen, so viele Gemälde betrachten und so viele Bücher lesen und dabei kaum etwas fühlen, aber wenn es dann passiert, ist es ein Gefühl wie wahre Liebe.“ Ein breites Grinsen zieht sich über das Gesicht des Frontmanns: „Und das ist mit Abstand das Kitschigste, das ich jemals gesagt habe, aber scheiß drauf, ich steh dazu. Es ergibt auch Sinn: Kunst ist die Erweiterung zwischenmenschlicher Verbindung und zwischenmenschliche Verbindung ist neben dem Überleben an sich das Allerwichtigste für uns Menschen. Diese Verbindung ist eine der wenigen Sachen, die wir uns in der modernen Welt noch leisten können. Ich muss dringend den Ball an Sam abgeben, ich versinke grad in einem philosophischen K-Hole.“
Britischer Zynismus
Shipstone scheint bei der Erwähnung seines Namens aus einem kurzen Sekundenschlaf zu erwachen und während er stotternd zustimmt und gleichzeitig zu überlegen scheint, was er hier macht und ob der Gasmann jetzt eigentlich schon da war, prallt besagter Ball an seiner Verwirrung ab, um von Smith direkt wieder aufgenommen zu werden: „Das Album verhandelt so viele Fragen: Von ‚Wer zum Teufel bin ich und was zum Henker mach ich hier?‘ bis ‚Was will ich wirklich vom Leben?‘. Es geht dabei um die komplexe Beziehung, die wir mit unserer eigenen Ambition haben.“ Dass all diese Gedankenstrudel in den Songs des Quartetts anziehend statt abstoßend wirken, liegt vor allem am immer irgendwo durchblitzenden trockenen Humor, den Smith auch im Gespräch direkt parat hat: „Wir versuchen schon, optimistisch zu sein. Nur ist das einfach sehr viel schwieriger, als zynisch zu bleiben, gerade für uns Briten. Immerhin haben wir mit ‘Talky Talky People’ einen Song in Dur geschrieben, und wenn das Album nicht reicht, bringen wir einfach noch die Demos als Bonusplatte raus, die nennen wir dann ‘You’re Gonna Need All Of The Music’.“
On The Nature Of Daylight
Wenn sich Smith und Shipstone an den Soundtrack von “Shutter Island” erinnern, dann vor allem an dieses Streicherstück des deutschen Komponisten Max Richter, das nicht nur dem Horror-Thriller seine Gänsehautmomente verleiht, sondern auch zahlreiche andere Filme und Serien wie “Arrival”, “The Last Of Us” oder “Hamnet” emotional bereichert.
Der Beitrag <img class="visions-plus aboplus-fahne" src="https://www.visions.de/wp-content/plugins/item-plenigo/img/visions_plus.svg"> Was wirklich zählt erschien zuerst auf VISIONS.de.



